Badische Zeitung vom Freitag, 11. Juni 2004
Große künstlerische Entwicklung
Mehr als 2000 Besucher füllen den Kehler Zollhof, wo das Ortenau Rock Symphony Orchestra sein Zehnjähriges zelebriert Orso feiert sich selbst und mehr als 2000 Gäste hören begeistert zu.
KEHL. Im weiten Umkreis sämtliche Parkplätze überfüllt, jedes befahrbare Stück Rasen mit Autos belegt, an den Kassenhäuschen Menschenschlangen. Über 2000 Besucher füllten am Mittwochabend den Kehler Zollhof, wo das Ortenau Rock Symphony Orchestra (Orso) auf der Hauptbühne der Landesgartenschau sein zehnjähriges Bestehen mit einem gigantischen Dreieinhalb-Stunden-Konzert zelebrierte und dabei einen Querschnitt durch zehn Jahre Orso-Sinfonik bot, von Ausschnitten des aller ersten Programms (der erste Auftritt war am 13. März 1994 in der Gemeindehalle Kippenheim) bis zu brandneuen Arrangements von Wolfgang Roese, Gründer, Arrangeur, Dirigent und Lebensnerv des Orchesters. Wie man es inzwischen gewohnt ist, präsentiert sich das Orso höchst professionell in Sachen Sound, Licht, Organisation und optische Präsenz. Was gerade bei diesem Jubiläumskonzert mit seinem Gegenüber von alten und neuen Arrangements ins Ohr springt, ist die große künstlerische Entwicklung. So ist "The final countdown", das seinerzeit im März 1994 Eröffnungsstück war (es eröffnete - vermutlich aus Nostalgiegründen - auch am Mittwochabend in Kehl das Programm), noch recht simpel arrangiert, das auffällige originale Synthi-Riff des Stückes ist in Blech gegossen, das aufdringliche Pathos dieses Songs durch Masse gesteigert. Die Melodie wird nachgezeichnet, nirgendwo eine Brechung, eine neue Sichtweise, eine Überraschung. Man zeichnet mit den sinfonischen Möglichkeiten eines großen Orchesters plus Chor nach. Ähnliches erlebt der Hörer bei anderen frühen Arrangements, etwa bei "For your love" (Yardbirds) oder David Bowies "Life on Mars" und auch bei Publikumsrennern wie "The Show must go on" (Queen). Erheblich anders ist da - um hier nur ein Beispiel für viele zu nennen - Roeses Arrangement von "Yesterday" von den Beatles: Das Stück beginnt im Chor, zunächst streng wie ein Madrigal, man denkt unweigerlich an Kirche, an Klage zu Gott, es ist erregend. Auch wenn Roese dann Klangfarben der Hochromantik einsetzt (Liszt lässt grüßen), behält dieses Yesterday seinen sakralen Charakter. Immer weiter treibt Roese das Lied vor sich her, führt es an den Rand der Atonalität, steigert so die Klage in verzweifeltes, fast schon grausiges Flehen. Auch bei frühen Orso-Arrangements hat Roese schon über Klangfarben neue Elemente, neue "Gefühle" in alte Rock-Hits gebracht, allerdings auch oft banale Musik einfach nur zu großer Wucht aufgeblasen - einprägsames Beispiel hierfür ist sicherlich "Music" von John Miles, ein echter musikalischer Schinken. Das Problem ist, dass "Sweet little sixteen" und "Heartbreak Hotel", "Blowin' in the Wind" und "All you need ist love", dass Künstler wie Otis Redding oder Grandmaster Flash, T. Rex oder Nirvana nicht wegen ihrer tollen Akkordfolge oder ihrer kompositorischen Fähigkeiten prägend für jeweils ihre Rock-Generation wurden. Der meist simplen Struktur eines Rocksongs ist das sinfonische Gewand oft unangemessen. Der ursprüngliche Charme, der Protest, der Witz, das Aufbegehren, der Sex - alles dahin. Nun ist Roese gewiss kein Rocker, er denkt sinfonisch, er denkt in Klang - wunderbar solche Kleinigkeiten wie etwa die Pizzicato-Streicher bei "Penny Lane" - , und er geht mittlerweile souverän mit dem "Ausgangsmaterial" um, etwa wenn er die Melodie von "Another Brick in the Wall" spannend verpackt und versteckt. Ein großer Abend beendete eine Dekade Orso - und weckte Neugier auf die nächsten zehn Jahre.
Robert Ullmann